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Der verletzliche Moment

Patricia PetapermalEin Gespräch mit Patricia Petapermal über die Wege der Kunst und das außergewöhnliche Leben dieser wichtigen französischen Künstlerin. Geboren 1963 in Paris als Tochter eines indischen Vaters und einer französischen Mutter, studierte sie anfangs Finanzmathematik und arbeitete dann erfolgreich als international tätige Brokerin. 1993 wurde sie Oper eines lebensgefährlichen Unfalls und entschloss sich nach über einjähriger Rekonvaleszenz ihrer zweiten Leidenschaft der Kunst, den Vorzug vor der Finanzwelt zu geben. Sie studierte an der Kunstakademie in Straßburg, glänzte sehr bald durch erfolgreiche Ausstellungen und fand Eingang in bedeutende Sammlungen. Heute lebt die vielseitige Künstlerin in München und kann auf zahlreiche Ausstellungen national wie international – vom Kunstmuseum Belgrad bis zur Galerie du Louvre – verweisen.

Das Kunst Journal: Frau Petapermal, warum im Alter von 30 Jahren der abrupte Wechsel zur künstlerischen Tätigkeit?

Patricia Petapermal: Hier kamen zwei Aspekte zusammen. Einerseits liebte ich schon immer die künstlerische Tätigkeit, das liegt irgendwie in der Familie, auch mein Bruder ist Künstler. Andererseits begann nach dem Unfall mein Leben ganz neu, und ich fragte mich, was willst Du wirklich? Mir war es ja so wie vielen Menschen ergangen, deren Eltern es gut meinten. Kunst galt als brotlos und deshalb sollte ich etwas ordentliches studieren, was ich als Tochter auch brav tat. Doch die Liebe zur Kunst brodelte immer in mir. In den Monaten im Krankenhaus gewann ich die Überzeugung, dass ich eine zweite Chance, ein zweites Leben geschenkt bekommen hatte, und nun noch einmal frei über meinen Beruf und mein Leben entscheiden durfte. Da habe ich mich ohne wenn und aber für die Kunst entschieden.

DKJ: Wie empfinden Sie das eigentlich als Künstlerin – haben es Frauen in diesem Beruf, in dieser Berufung, leichter oder schwerer als Männer?

PP: Das ist sicherlich individuell verschieden. Ich habe zeitweise die Erfahrung gemacht, dass Männer eine gut aussehende Frau an ihrer Seite in ihrem Wunsch nach einer künstlerischen Karriere nicht besonders ernst nehmen, und das sogar zuweilen als Hausfrauenhobby abtun wollen. Kunst ist jedoch eine Berufung, die aus tiefstem Inneren kommt. Mich hat das zwar geärgert, aber letztendlich nur in meinem Willen, in meinem Kampf, zu größerer persönlicher und vor allem unbedingter künstlerischer Unabhängigkeit bestärkt. So betrachtet haben es Frauen oft tatsächlich nicht leichter als Männer.

DKJ: Ich spüre aus diesen Worten, dass sich ein gewisser Leidensdruck, ob nun durch die physischen Verletzungen eines Unfalls, oder den psychischen Stress durch den Kampf um die Anerkennung der Ernsthaftigkeit der eigenen künstlerischen Betätigung, in Ihrem Werk wiederfinden lässt.

PP: Kunst ist eine Form der Auseinandersetzung mit allen Aspekten des Lebens. Den Menschen zu sehen – in seiner ganzen Verletzlichkeit, in seinem Missbrauch, dem ausgeliefert sein an Menschen, Gruppen und Systeme. Meine künstlerischen Ausdrucksformen geben immer auch die Spannung zwischen der realen Welt und meinem individuellen Bewusstsein als Künstlerin wieder. Es geht um unsere Emotionen, unsere Grundbedürfnisse und unsere eigene Geschichte.

DKJ: Jahrelang gab es Stühle und Körper als wichtige Motive in Ihren Werken. Welche Bedeutung hat das?

PP: Nach meinem Unfall drohte mir ein Leben im Rollstuhl. Durch große Anstrengungen und mit eiserner Disziplin gelang es mir wieder vollständig zu gesunden. Ich konnte mich am Ende wieder aus dem Stuhl erheben. Der Stuhl war ein Sinnbild des Leidens, der leere Stuhl aber gleichzeitig auch ein Symbol für den Sieg über das Leiden, ein Zeichen des Aufbruchs. Der Stuhl ist also nicht nur ein statisches Objekt, er steht auch für einen Weg. Die dargestellten Körper sind in ihrer Nacktheit ein Bild für unsere Verletzlichkeit, das Ausgeliefertsein, das Leiden. Aber das Leben ist eben nicht nur Kampf und Leiden, es ist auch schön, und Akte sind von je her ein Weg zur Darstellung der Schönheit des Lebens. So verschmelzen diese verschiedenen Motive in meinen Bildern.

DKJ: Die Kunstexpertin Kerstin Freundl sagte einmal: „Für Patricia Petapermal symbolisiert dieser Stuhl aber nicht nur Wartezeiten oder Zeiten der Ruhe, sondern er steht auch für die Momente dazwischen, für Zeit, die vergehen muss, bevor etwas passiert. Für die oft unüberbrückbar erscheinende Barriere zwischen etwas – zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Mann und Frau , zwischen Eltern und Kind, zwischen heil und versehrt und und und – er steht für die Ungewissheit, für das Oszillieren der Gefühle und der Begegnungen. Wer kennt das zum Beispiel nicht? In jeder Beziehung – im wahrsten Sinne des Wortes – gibt es Zeiten des Wartens, Zeiten vermeintlichen Stillstands, Zeiten, die notwendig sind, um sich zu entwickeln und Position zu beziehen. Zeiten, in denen der eine Partner weiter ist als der andere, aber auch die Zeit, die man braucht, um sich zu trennen. Die Zeit, die zwischen emotionalem Durcheinander, Reflexion, Vorsatz und Realisierung vergeht. Wartezonen halt – Wartezonen, die notwendig werden zur Positionierung. Aber auch die Zeit, die vergeht – gemeinsam oder allein. Und bei all dem steht der Mensch im Mittelpunkt, der Mensch mit seine Befindlichkeiten, seinen Emotionen, Vorbehalten und Verletzlichkeiten.“

PP: Ja, sie hat das sehr gut beschrieben. Meine Bilder sind stets auch Orte der Begegnungen, ihre abstrakten und realistischen Bestandteile, häufig als Collagen geklebt oder gemalt, bemalt, übermalt, gehen darauf ein und spiegeln diese verletzlichen Momente wieder.

DKJ: Die Schrift spielt bei Ihnen eine bedeutende Rolle. Auf vielen Collagen sind gedruckte Buchseiten, Zeitungsausschnitte oder andere Papierschnitzel, die einen zeitlichen wie auch räumlichen Bezug haben, ein bewegter Hintergrund. Auch ganze Sätze bilden als Statements eigene Motive. Was bewegt Sie dabei?

PP: Seitdem man im alten Ägypten mit Hieroglyphen Worte aus Bildern und Zeichen formte, ist Sprache in der Kunst zugleich auch Bildelement und die Bilder sind wiederum lebendige Sprache, sie sprechen zu uns, wir lesen in Bildern, wir treten mit ihnen in einen Dialog des Geistes und der Emotionen. Deshalb sind für mich Bilder und Sprache kein Gegensatz.

DKJ: Ebenso findet man oft große und kleine Fenster als Durchblicke oder irgendwelche Öffnungen, die dem Betrachter Ein- und Ausblicke gewähren.

PP: Ja, Fenster, Türen oder Öffnungen in Mauern oder Durchblicke zwischen natürlichen Hindernissen haben stets zwei Funktionen. Einerseits blicken wir hinaus in die Welt, sehen und erfahren, was außerhalb unseres engeren körperlichen Seins ist, zugleich öffnen diese Fenster auch einen Einblick in unseren inneren Räume. Kunst soll uns selbst offen legen, aber eben auch Einblicke in alle Schichten des Seins ermöglichen.

DKJ: Sie erwähnen die Schichten. Wenn man Ihre Bilder betrachtet, bekommt man den Eindruck, dass neben der Komposition der einzelnen Bildelemente innerhalb der Fragmente Schichtungen einen Blick hinter die Oberfläche gewähren. Zum Beispiel ist hinter einer Person mit feinen Linien eine weitere wie ein durchsichtiger Schatten angedeutet.

PP: Wollen wir nicht alle stets tiefer schauen, hinter den Spiegel blicken. In der Realität mag hinter einem Spiegel nur eine Wand sein, in der Kunst kann dahinter noch der Geist dessen aufscheinen, was vordergründig der Spiegel wiedergibt, egal ob als kraftvoller Schatten oder als transparente Form, die sich erst bei intensiverem Hinsehen entschlüsselt. Ich freue ich, wenn die Menschen nicht nur auf meine Bilder blicken, sondern in sie hineinsehen und mit mir die Räume der Imagination durchwandern, um dabei auch ihre eigenen Gefühle mit den Emotionen des Bildes zu vermischen. Wenn dann für den Betrachter ganz individuell ein echtes „mehr“ entsteht, ist mir etwas gelungen.

DKJ: Man vermeint in Ihren Bildern neben klassisch europäischen Formen auch Elemente indischer Kunst in Farben, Formen und Gegenständen zu erkennen. Anders gesagt, wie sehr beeinflusst Indien Ihre künstlerische Entwicklung und Ausdrucksweise?

PP: Ich bin in Paris geboren und dort zur Schule gegangen, also in einem europäisch Umfeld aufgewachsen. Ich habe nie in Indien gelebt. Jedoch konnte ich durch Reisen in den Orient ebenso wie nach Lateinamerika Elemente und Farben, Mythen und Götter aus allen Bereichen der Welt in großer Fülle kennenlernen. Natürlich habe ich mich dabei auch besonders für die Kultur meines väterlichen Herkunftslandes interessiert, das hat mich ohne Zweifel beeinflusst. Aber wir leben heute in Europa in einer multikulturellen Welt, da ist es doch ganz selbstverständlich, dass man als Künstler die ganze Fülle dieser Einflüsse in sich aufnimmt, verarbeitet und in seine Werke einfließen lässt. Ich finde dieses breite Spektrum spannend und für mich als Künstlerin bereichernd. Mein Eindruck ist, dass viele Kunstfreunde ebenso empfinden.

Das Gespräch führte B.P. Bierschenck M.A. (c) Das Kunst Journal